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Sie setzen auf Erweiterung und Ausbau: Thomas Friedrichs (von links), Marco Dibbern, Martin Bockler und Marcus Schlichting vor der Hafen-Kulisse in...
11. Juni 2016 chemcoastpark stade | Veröffentlicht von: Marco Dibbern

AOS und Dow brauchen den Hafen, der Hafen braucht AOS und Dow

Stade-Bützfleth: So sieht die Perspektive für den Seehafen aus Erweiterung geplant, aber langwierig (Ein Artikel von Wolfgang Becker vom Magazin Business & People)

Der Besuch des Hafens Stade-Bützfleth endet überraschend vor einer Schranke. Obwohl der Hafen eine öffentliche Einrichtung ist, kommt hier nicht jeder rein. Ein freundlicher Mitarbeiter ist rege bemüht, den richtigen Ansprechpartner zu finden. Dann geht es weiter – und die Landschaft wird erdig rot. Sie erinnert ein wenig an die Oker-Minen im französischen Roussillon, doch in diesem Fall geht es um Bauxit, das ist der Stoff, der den Stader Hafen zu respektabler Größe hat heranwachsen lassen. Und es soll weitergehen: Es gibt zwar noch ein paar offene Eckdaten, aber die vierte Hafenerweiterung in Bützfleth ist bei den Hafenbetreibern und der Wirtschaftsförderung Stade durchaus ein Thema.

Bauxit, Aluminiumoxid, Gase und Flüssigkeiten

Unmittelbar vor dem großen Hamburger Hafen gelegen, hat sich das Stader Pendant als Seehafen positioniert. Seine Hauptaufgabe: An- und Auslieferungshafen für die Chemieunternehmen Dow und AOS. Der nördliche Teil des Anlegers im Hafen Stade-Bützfleth dient der Entladung von Bauxit und zur Verladung von Aluminiumoxid und feuchtem Aluminiumhydroxid. Maßgeblich zum Hafenumschlag trägt auch der Im- und Export von flüssigen sowie gasförmigen chemischen Grundstoffen im südlichen Hafenteil bei. Dow und AOS kommen jeweils auf ein Umschlagsvolumen von rund drei Millionen Tonnen. Mit einer Kailänge von einem Kilometer und einem Umschlagsvolumen von 6,7 Millionen Tonnen insgesamt steht Bützfleth im Ranking der niedersächsischen Häfen auf Platz drei, wie Marcus Schlichting, Erster Vorsitzender des Seehafen Stade e.V., sagt. Die über Dow und AOS hinausgehenden Mengen kommen durch Düngemittel, Bauzusatzstoffe und beispielsweise den Umschlag von Baukomponenten aus dem Bereich Windenergie (Buss-Terminal) zusammen. Geplant ist die Ertüchtigung der Schiene, wie Marco Dibbern, Geschäftsführer des Seehafen Stade e.V., sagt. Hier geht es im Wesentlichen um einen Schienenanschluss bis in den Seehafen sowie eine Verlagerung der wachsenden Verkehre aus dem innerstädtischen Bereich. Ein weiterer positiver Effekt ließe sich durch die Fertigstellung der A26 zwischen Buxtehude und Hamburg erzielen – gute Perspektiven also, wie auch Wirtschaftsförderer Thomas Friedrichs einräumt. Eine Fläche von weiteren 24 Hektar am Nordwestkai sowie drei weitere Schiffsliegeplätze – das wäre die vierte Ausbaustufe. Schlichting: „Dann wären hier in Bützfleth ganz andere Dinge möglich.“

Eine bewährte Symbiose am Wasser

Das Besondere an diesem Hafen: Die Chemie- Unternehmen AOS und Dow brauchen den Hafen, der Hafen braucht AOS und Dow. Die Chemieunternehmen und das Land Niedersachsen als Hafenbetreiber sind eine Symbiose eingegangen. Schlichting: „Es besteht eine beiderseitige Abhängigkeit, allerdings haben sich die Hafenbaukosten von rund 178 Millionen Mark in den 1970er-Jahren längst amortisiert.“ Und auch auf die Job-Bilanz wirkt sich dieses Verhältnis bis heute positiv aus. Einer Studie der Jade Hochschule (FH Wilhelmshaven/ Oldenburg/Elsfleth) mit dem Titel „Untersuchung über die Beschäftigungseffekte der niedersächsischen Häfen“ zufolge sind vom Hafen in Bützfleth rund 5000 Beschäftigte abhängig – direkt, aber vor allem auch indirekt als Zulieferer und Versorger für die Chemie-Industrie. Mitten im Hafen betreibt das Unternehmen Buss einen vier Hektar großen Terminal. Hier werden regelmäßig Bauteile für Windkraftanlagen umgeschlagen, welche überwiegend im Offshore-Bereich zum Einsatz kommen. Gussteile von Global Castings Stade, beispielsweise für Getriebegehäuse von Windkraftanlagen, seien anders als per Schiff gar nicht zu transportieren, sagt Friedrichs. Martin Bockler, bei der IHK Stade zuständig für Standort- und Wirtschaftspolitik, geht davon aus, dass sich die geplante Siemens-Ansiedlung in Cuxhaven ebenfalls positiv auf die Hafenentwicklung in Stade auswirken könnte.

Beispiel für den Mülltourismus

Fast skurril: Auf dem Buss-Terminal wird Müll aus Irland für deutsche Verbrennungsanlagen umgeschlagen – weil die Iren ihren Müll nicht trennen, hat er einen deutlich höheren Brennwert als der inländische Hausmüll. So beflügelt der Gelbe Punkt den Mülltourismus und sorgt letztlich dafür, dass sogar ein staatlicher Hafen davon profitiert, wenn Müllverbrennungsanlagen beispielsweise in Magdeburg Brennstoff brauchen. Besonderes Augenmerk gilt den rund 700 000 Tonnen, die nicht aus AOS und Dow bestimmt sind. Das hier gelöschte Schüttgut geht unter anderem an die Beton- und Asphaltmischwerke in der Region. Ohne Hafen entspräche diese Menge rund 28 000 Lkw-Transporten plus Leerfahrten, denn das Material müsste ja so oder so in die Region gebracht werden. Damit entlastet der Hafen die verkehrstechnisch ohnehin nicht gerade verwöhnten Menschen im Landkreis Stade erheblich.

Wenn das mal keine „Finte“ ist . . .

Was den weiteren Hafenausbau angeht, gibt sich Schlichting so gefasst wie möglich: „Wir sind noch lange nicht so weit, wie wir gerne wären. Solche Entwicklungen dauert bei weitem länger als das, was man im schlimmsten Fall befürchtet.“ Obwohl die Planfeststellung schon im Gange war, steht jetzt ein Neustart bevor. Unter anderem sorgt eine planungsrechtlich relevante Verwandte des „Wachtelkönigs“ für Verzögerungen: die „Finte“. Der Herings-ähnliche Elbfisch laicht am Schwarztonnensand. Die Kartierung steht noch aus, aber die Hafenverantwortlichen sehen durchaus Parallelen zum berühmten „Wachtelkönig“, jenem Rallenvogel, der in Neugraben-Fischbek seit Jahrzehnten für ökologische Diskussionen sorgt. Schlichting kommentiert die Hafenerweiterung ganz nüchtern: „Wir waren schon mal weiter.“ Hinzu kommt, dass so ein Projekt auf Landesebene entschieden wird. De facto geht es um Investitionen „größer 100 Millionen Euro“. Dibbern: „Das größte Problem ist die Begründung. Muss zuerst der Bedarf vorhanden sein oder schafft man mit einer leistungsfähigen Hafeninfrastruktur ein interessantes Angebot? Wir sprechen hier von einer perspektivischen Investition. Hätten wir einen leistungsfähigen Schwerlastkai zu bieten gehabt, wäre Siemens vielleicht nach Stade gegangen. Das Interesse war vor Jahren zumindest vorhanden.“ Schlichting: „Wir können aber auch neidlos anerkennen: Cuxhaven ist prädestiniert und die gesamte Region hat etwas von dieser Großansiedlung.“ Dennoch bleibt die Hafenerweiterung ein Thema für die Wirtschaftsförderung. Friedrichs verweist vor allem auf 48 Hektar Freifläche neben der AOS, die einem Privateigentümer gehören und potenziell zu Verfügung stehen. Und dann wäre da noch die Fläche des ehemaligen Kernkraftwerks – 110 Hektar, ebenfalls eine perspektivische Option.

 

 

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